Mit auch gewisser Selbstironie seien hier verschiedene psychologische Grundmuster von Strafverteidigern aufgewiesen. Zur Bildung der Typologie wird natürlich im Einzelfall der Pointe willen maßlos übertrieben. Ein bischen von allem ist vermutlich in jedem guten Strafverteidiger zu finden.
1.Typ Schoßhündchen
Hat die Haare blond, - getönt. Leichter Hauch von Eau de Paris Hilton, “beflügelt von Phantasie und Pheromonen.” Bewegt sich mit kleinen, niedlichen Hüpfschrittchen vorwärts. Affektierte, fuchtelnde Gestikuliererei mit den Händen. Gleich hebt er ab. Hat eine ganz hohe, etwas schrille Stimme, die in Augenblicken höchster Begeisterung vor Erregung umkippt. Ist manchmal bei den verantwortlichen Richtern und Staatsanwälten auf dem Schoß sitzend anzutreffen. Kennt deren Sprechzeiten und Essgewohnheiten auswendig. Ist immer telefonisch zu erreichen. Ruft gerne und lange und häufig über Mobiltelefon an. Alle. Hat die Unterdrückung der Anrufererkennung auf seinem Mobiltelefon aktiviert. Kennt alle, liebt alle. Alle haben ihn liep. Piep, piep, piep. Lispelt, kein Sprachfehler, sondern er möchte gerne etwas vornehmer klingen, so in Richtung Promi-Anwalt. Aber irgendwie hört man den Vater, einen angesehenen Metzgermeister aus Unter-Klein-Udelshausen, doch immer noch in der Sprache durch. Beim Gehen, wenn man ihm hinterher sieht, glänzt eine meterlange Schleimspur in der Sonne der strafrechtlichen Verteidigung. Er ist der Liebling der Justiz. Wären doch nur alle Rechtsanwälte so. Das Wort “nein” gehört nicht zu seinem Wortschatz. Beendet alle Strafverfahren immer mit einem Kompromiss. Seine Mandanten verlieren immer, aber immer nur ein kleines bischen. Hat das Examen mit Ach und Krach bestanden, tut aber so, als sei er der beste Rechtsanwalt der Welt. Das ist er vielleicht auch. Hat mitten im Prozess, wenn es auf seine Tätigkeit eigentlich gerade ankommt, einen totalen Erinnerungs- und Gedächtnisausfall. Notfalls wird der Richter oder der Staatsanwalt bestochen, pardon, es werden Auflagen an gemeinnützige Einrichtungen versprochen und auch gezahlt. Er liebt es, mit seinen Erfolgen und seinen guten Beziehungen zu prahlen. Ist selbstverständlich verheiratet, seine Ehefrau ist Juristin, und hat die Haare blond - getönt, … :I (da capo)
2.Typ Mafioso
Schnieke Sonnenbrille - getönt. Glatt gekämmt mit Pomade im Haar. Ist auch im heißesten Sommer immer in Schlips und Anzug anzutreffen. Hat es immer eilig und muß zu wichtigeren Terminen. Immer professionelles Auftreten. Redet niemals. Ganz besonders nicht mit der Mandantschaft. Ebenso wenig mit den Kollegen. Da wird von dem Recht zur Aussageverweigerung extensiv Gebrauch gemacht. Soll angeblich Beziehungen haben zu dem Staatssekretär persönlich. Ja, der Fall, in dem der Richter damals erfolgreich abgelehnt wurde wegen Befangenheit, genau, das war der. Ist niemals telefonisch zu erreichen. Schreibt ganz wenig. Hat einen Wohnsitz im Ausland. Verwendet das Mobiltelefon eines Mandanten, - Gesellschaftsform mit beschränkter Haftung,- das über den auch abgerechnet wird. Ist als durchtrieben und korrupt bekannt. Mandantschaft stirbt häufig eines unnatürlichen, ungeklärten Todes. Zahlt Kautionen in bis zu sechsstelliger Größenordnung aus dem Portemonnaie oder dem Kofferraum seines Jaguars. Ohne mit der Wimper zu zucken. Verliert manchmal mitten im Prozess sein Erinnerungsvermögen. Hat Hausverbot im örtlichen Lokal, weil der Wirt ihm im Suff Haus und Hof überschreiben ließ. Und er am nächsten Morgen Möbelpacker schickte, um das Klavier und die Ehefrau des Wirts abzuholen. Klavier kann er zwar nicht spielen. Aber er “gießt” es manchmal, wie er das nennt. Mit der Ehefrau soll er seitdem zusammen leben. In unanständiger Lebensgemeinschaft, wie wir Juristen sowas gerne nennen.
3.Typ Menschenrechtsanwalt
Ungekämmt und schlecht entlöhnt. Ein Verteidiger, der Gerichte, Staatsanwälte und sämtliches, was damit zu tun hat, gründlich hasst. Schreit gerne und lange, wie alle, denen man nicht zuhört. Läßt andere nicht zu Wort kommen und monologisiert abwegiges Zeug, stundenlang, pausenlos. Medizinisches Wunder, wann und wie atmet der eigentlich, Kiemenatmung? Hat allenfalls ein befriedigendes oder vollbefriedigendes Examen, oder schlechter. Vertritt Menschenrechtsfälle aus Überzeugung und wird dafür nicht bezahlt. Hat sehr hohe moralische Ansprüche an sich selbst und erst recht an andere. Er erwartet von den Gerichten Gerechtigkeit. Dazu gehört schon ein ganzes gehöriges Stück Blödheit. Und er wird darum auch von den Gerichten gründlich gehasst. Vor kurzem hat der es doch glatt gewagt, sich bei einem Staatsanwalt auf den Schoß zu setzen. In derselben Pose, wie man es bei Antwaltstyp Nr. 1 auch immer sieht. - Die Strafanzeige wegen sexueller Nötigung läuft noch. Da könnte ja jeder kommen. Das bisschen Gemauschel, das die Richter, der Staatsanwalt oder der Polizist mit den Ermittlungsergebnissen gemacht haben, wird dann aber auch nicht ignoriert, sondern gnadenlos dokumentiert und der Justiz unter die Nase gerieben. Natürlich scheitert er mit seinen Attacken und ist deshalb – zu Recht – noch wütender. Und die Richter und die Staatsanwälte sind wütend, daß es den überhaupt noch gibt. “Früher hätte man solche einfach …” … Ja, heute werden Solche manchmal auch nur einfach … , aber das nicht mehr ganz so einfach geworden. Wegen der Menschenrechtsanwälte. Wenn ich so drüber nachdenke, früher hatte man die auch nicht so einfach nur ver…, selbst im Dritten Reich gab es da bei Anwälten doch schon viel wirksamere und subtilere Methoden, einen so richtig fertig zu machen. Das dauert halt nur etwas. Wozu brauchen wir noch die Pflicht für Rechtsanwälte, sich Judenanwalt zu nennen, wenn es POLAS gibt? Wir klagen einfach an wegen einer von uns selbst erfundenen Straftat, wunderbar eignen sich Verleumdung und Beleidigung, die wir akribisch in seinen Schriftsätzen gefunden haben, fordern ein Sachverständigengutachten ein und bis zum Abschluß ist der Strafverteidiger tot. Er bekommt lebenslang nicht einen einzigen wichtigen Auftrag mehr. Das sieht niemand und hat dieselbe Wirkung wie in guten alten Zeiten. Und die Richter und Staatsanwälte müssen inzwischen mal wieder Akten verstecken. Der Verteidiger wird heutzutage dann nicht mehr einfach …, aber ausgewechselt, gegen einen “Schoßhündchen-Anwalt”. Wenn man den Mandant von solchen Verteidigern einfach ohne Anwalt in “U-Haft” einsperrt und lange genug da sitzen läßt, macht der das schon mit. Man sagt ihm, er wird erst wieder freigelassen, wenn er gesteht. Und in dem Geständnis steht dann wie von Zauberhand auf einmal, daß der Mandant über sein Recht zur Aussageverweigerung und das Recht auf einen Anwalt belehrt worden war. Das wird dann immer vom Mandant selbst unterschrieben. Und das Schoßhündchen war schließlich auch dabei. Was sollte der Mandant da auch noch anderes tun? Um nicht weiter eingesperrt zu werden, hätte der sich auch, notariell beurkundet, verpflichtet, seine eigene Großmutter an die Justizbehörden zu verkaufen und in gefesseltem und geknebelten Zustand zu übereignen. Und erst recht den Strafverteidiger. So kommt man zu einer ganz neuen Bedeutung des Wortes “Parteiverrat.” Das wissen wir doch alle aus den guten alten amerikanischen Western. Es gibt immer die Guten und die Bösen. Und die Guten sind wir. Per Definition. Er hat Hausverbot in verschiedenen örtlichen Lokalen, weil er sich manchmal betrinkt und dann über die Stränge schlägt. Und dem Wirt hat er auch Haus und Hof schon längst überschrieben.
4.Der Star – und Promianwalt
Hat die Haare schön, - geföhnt. Künstliches, etwas dunkleres Haarteil, verrutscht manchmal. Der Gesichtsbräuner hat weiße Ränder an den Schläfen hinterlassen. Er ist promoviert und Professor h.c. an einer bedeutenden in- oder gerne auch ausländischen Universität. War früher selbst mal Richter. Das “h.c.” lassen die Mandanten gerne weg, wenn Sie über ihn sprechen. Trägt einen Namen aus dem deutschen Hochadel, erworben, steuerlich absetzbar, durch Adoption. Ähnliches gilt auch für seine Promotion und Habilitation, sofern überhaupt vorhanden. Redet ganz langsam und mit wichtigen Pausen und Betonungen. Lispelt etwas, Sprachfehler. Hat die Sekretärin auch schon mal vernascht, der er manchmal bei ihm auf dem Schoß sitzend diktiert. Und auch die hübsche kleine Jura-Studentin mit dem blonden Pferdeschwanz - echt bl .. ond - aus dem vierten Semester auf dem Auslandsseminar mußte dran glauben. .. - Wat ne Eeehre. Inzwischen hat sie ihren Doktor doch lieber selber gemacht. War vieleicht doch nicht ganz so blond. Besitzt eine goldene Extraanfertigung eines Mobiltelefons, dessen Tragetäschchen von Karl Lagerfeld persönlich gehäkelt wurde. Mit eingestickten Diamanten, - Widmung beginnt mit: “meinem lieben ….” Auf dem Mobiltelefon kann Herr Promi-Anwalt nur von seinem Sekretariat aus erreicht werden kann. Sinnvolle Veröffentlichungen sind selten von ihm zu finden. Hat schon ein paar spektakuläre Fälle für Politiker, Schauspieler und erfolgreiche Musiker verloren. Vor dem großen Auftritt ein Haufen rennender Referendare, die mit wichtigem Gesicht belanglose Akten oder die Aktentasche des Herrn Promi-Anwalts hin- und hertragen. Ein paar Pressevertreter. Dann schwebt der Duft eines eleganten, schweren und teuren Herrenparfüms (ähnliches gilt natürlich auch für Damen) herüber, auch gegen den Wind. Bekommt man nicht mehr aus der Nase. Kennt den Fall und die Fakten oder kennt jemand, der ihn kennt. Hat immer eine ganz außergewöhnliche Lösung auf Lager, für den außergewöhnlichen Mandanten. Macht keinen Finger krumm, wenn der Vorschuss von 10.000,00 Euro noch nicht vollständig gezahlt ist. Manche sagen, er könne nicht lesen, aber er sitzt ja manchmal mit seinen Akten am Promistrand von St. Tropez oder in Florida. Inmitten von zwei Badenixen mit oben ohne und unten Nix. Soll seiner Frau bei der Scheidung eine Abfindung in Millionenhöhe gezahlt haben. Im örtlichen Lokal hängt eine goldene Plakette, die ihn als Stifter eines Klaviers ausweist mit einer Aufschrift, die mit “meinem lieben” anfängt. Das Klavier ist beim Kollegen siehe oben zu finden.
5.Der Wissenschaftler bzw. Politiker
Unentwegt. Unversöhnt. Er hat den ganzen Fall durchschaut. Er durchschaut die Justiz. Er hat durchschaut, daß der Mandant zwar unschuldig ist, aber dennoch keine Chance hat. Das weiß aber niemand, ganz besonders nicht der Mandant. Dem hat er das zwar gesagt, der hat aber nicht richtig zugehört. Dabei hatte er so ganz nebenbei bemerkt, daß der Mandant politisch aus einer Ecke kommt, die völlig undiskutabel ist. Eigentlich sollte er das Mandant schon deshalb niederlegen. Er ärgert sich über sich selbst und noch mehr über den Mandanten, der sich geweigert hat, den Richter oder den Staatsanwalt zu bestechen, pardon, Auflagen an gemeinnützige Einrichtungen zu versprechen und auch zu bezahlen. Er überlegt, den Fall an einen “Schoßhündchen - Anwalt” abzugeben. Hat selbst ein Einser-Examen, und ist damit so eine Art Erlkönig unter den Juristen, die kann man an den Fingern abzählen. Das weiß aber niemand, er würde das niemals zugeben. Und über das zweite Staatsexamen möchte er auch lieber keine Aussagen machen. Er möchte am liebsten das ganze Strafgesetzbuch und die Strafprozessordnung wegen grundlegender verfassungsrechtlicher Bedenken neu schreiben. Möchte gerne einen großen Teil der deutschen Justiz und Politik vor dem Strafrichter sehen. Fragt sich nur noch, welcher Strafrichter, - schließlich sind wir alle eine einfach nur eine so freundliche, glückliche Familie. Er war früher einmal Professor an einer amerikanischen Eliteuniversität. Hat sich noch nie um universitäre Stellen beworben. Wurde aber schon von mehreren Universitäten gebeten, zu unterrichten. Hat mehreren Verfassungsrichtern Hausverbot erteilt. Mehrere Veröffentlichungen. Vertritt häufig ungewinnbare Fälle. Besitzt kein Mobiltelefon, weil es Energie verbraucht. Weigert sich beharrlich, Kautionen für seine Mandantschaft aus eigener Tasche zu bezahlen, und die Polizei ist da ganz erstaunt, der Kollege da oben tut das doch auch immer. Schreibt sehr lange und reichlich mit Zitaten bestückte Schriftsätze. Reicht vergeblich Petitionen ein. Die scheitern, aber der Gesetzgeber klaut die Ideen und zehn Jahre später werden die Ideen Gesetze. Gibt niemals auf. War noch nie in einem örtlichen Lokal. Hat aber letztes Weihnachten seine Studenten aus einem Lehrauftrag zu sich nach Hause eingeladen und unter dem Weihnachtsbaum beim Christstollen einige wichtige Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte besprochen. Seit dem Jahre 2004 hat er das Bundesverfassungsgericht von der Liste der zu besprechenden Entscheidungen gestrichen. Seine geschiedene Frau ist Schlagersängerin und soll es mit einer Neuauflage des Lieds “Heirat doch dein Büro” bis in die Hitparaden für deutsche Volksmusik geschafft haben. Bei der letzten Auseinandersetzung hatte Sie mit einem selbst gemachten Christstollen nach ihm geworfen.
Autor: A. Fischer, Rechtsanwalt & CPA (USA)
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