Peter Platte von der Musikgruppe Rosenstolz nutzte am Donnerstag, den 10.11.2011, bei der Bambi-Preisverleihung in Wiesbaden die Gelegenheit, um öffentlich zu kritisieren, daß der Rapper Bushido den Preis zum Thema “Integration” verliehen bekam.
Die Kritik richtet sich gegen Bushido wegen “frauen- und schwulenverachtender” Liedtexte. Die Veröffentlichung dieser Lieder liegt zwischen 5 und 10 Jahren in der Vergangenheit.
Kommentar
Es freut einen, wenn in einer Vertuschergesellschaft die Meinung frei heraus gesagt wird, was selten genug vorkommt. Dieser Kommentar dürfte damit als ein wertvoller Beitrag zu dem goldenem Herumklimbimper auf der Preisverleihung zu bewerten sein.
Aber die Kritik richtete sich gegen einen Musikerkollegen und letztendlich damit auch gegen den den Preis überreichenden Peter Maffay. Mit solcher Kritik sollte man bekanntlich besonders zurückhaltend verfahren. Und dies dürfte selbst die interessante Frage aufwerfen, wo haben wir es mit der Meinungsfreiheit zu tun, wo fangen wir selbst mit der Zensur an. Ist die Äusserung nicht als solche wieder eine Zensur? Darf ein Künstler so pauschal mit einigen herausgerissenen Passagen aus einem umfangreichen künstlerischen Werk der Vergangenheit so einfach abgewertet werden?
Hat Bushido den Preis wirklich nicht verdient?
Man muß Bushido zubilligen, daß er am Brennpunkt sozialen Geschehens in Deutschland arbeitet. Der Kommission, die den Preis verliehen hat, kam es daher vermutlich auch auf das Potential des Rappers an, zur Integration beizutragen.
Wenn man z.B. die Liste der Friedensnobelpreisträger durchsieht, dann sind da auch einige Personen, deren rein friedliche Absichten durchaus hinterfragt werden können: Jimmy Carter, der ehemalige US-Präsident, Jassir Arafat, Shimon Perez, Yizhak Rabin, Willy Brandt, etc. - Im nachhinein betrachtet, ist festzustellen, daß die Verleihung solch eines anspruchsvollen Preises durchaus gerechtfertigt gewesen sein könnte. Wem erst einmal solch ein Preis verliehen wurde, der versucht später, diesen hohen Ansprüchen auch gerecht zu werden. So wird es vielleicht mit Bushido auch sein.
Die Frage ist nun eigentlich nur noch, ob Bushido ein hoffnungloser Täter ist, der gegen Integration eingestellt ist. Nur dann hätte er den Preis auf keinen Fall verdient. Ist er jemand, der der selbst mit rassistischem Hintergrund versucht, die Menge im Sinne dieser rassistischen Äußerungen aufzuhetzen? Die Frage ist, ob er das, was er singt, selbst auch wörtlich so meint, wie seine Kunstperson das sagt. Dann hätte der den Preis sicher nicht verdient.
Oder ist er das nicht. Ist er eher als ein Kritiker und Künstler zu verstehen, der den Zeitgeist zum Ausdruck bringt? Einer, der in einer Gesellschaft des Tuschelrasssismus das herausbrüllt, bzw. herausgebrüllt hat, was so ein Assi halt denkt - und damit gesellschaftlich schädliche - Tabus bricht bzw. brach?
Dazu hier ein Link auf einen früheren Beitrag zum Nachdenken über die stillschweigende Diskriminierung in unserer Gesellschaft. Bushido spielt/ spielte als Sänger und Künstler ein richtiges Arschloch. Vielleicht war er das auch ein bischen selbst. Und solch ein Arschloch sagt halt nun mal auch solche Dinge wie die, die hier kritisiert werden. Wie könnte man besser Anti-Rassissmus betreiben, als diese zu imitieren und deren Äusserungen bis ins Skurrile hin zu übertreiben und dadurch ins Lächerliche zu ziehen?
Wir meinen, Im Zweifel für die Freiheit des Ausdrucks des Künstlers. Wir sind der Ansicht, daß der Musiker von Rosenstolz vermutlich die Ironie des Rappers nicht im geringsten verstanden hat, und Bushido die (vermutlich ernst gemeinte) Haue eigentlich nicht echt verdient hatte.
Gerade um zu kritisieren, ist es ein beliebtes Stilmittel, in die Rolle auch von Tätern zu schlüpfen, um deren infame Methoden klarer darzustellen.
Da gibt es etwa das berühmte Lied von Falko “Jeanny”, in dem er z.B. ein Lied aus der Sicht eines Kindermörders schreibt. Zuerst denkt man, es ist ein Liebeslied. Und der Sänger geht dann unvermittelt zur Beschreibung des Mords über, den der Sänger - in seinem Lied - selbst begangen hat. Dies bemerkt der Hörer aber, wenn überhaupt, dann erst sehr spät. Das bedeutet noch lange nicht, daß Falko selbst damit auch solch ein Psychopat war, oder damit dessen Taten billigen würde. Das wäre eine geradezu absurde Unterstellung. Es gibt eine lange Liste von Literatur und Liedern, die ähnliche Stilmittel verwendet.
Beispielsweise genannt seien die mehr gebrüllt als gesungenen Beschimpfungen im Ton von Fußballfans z.B. aus Düsseldorf und Leverkusen der Toten Hosen gegen den 1. FC Bayern:
“Was für Eltern muss man haben Um so verdorben zu sein
Einen Vertrag zu unterschreiben Bei diesem Scheissverein ?
Ref.: Wir würden nie zum FC Bayern München gehen”
Ebenso ironisch zu verstehen ist das Lied “Cocaine” von Hannes Wader (”ich kam von Frankfurt nach Berlin, die Taschen voll mit Kokain, Kokain, all around my brain” …) - hier identifiziert sich der Sänger mit einem Familienvater, dessen Familie komplett von Drogen verseucht ist.
Ob Bushido rassistische Inhalte seiner Rappertexte wirklich wörtlich so meint bzw. meinte, oder ob dieser Aspekt zumindest dabei mitschwingt, in einer künstlerischen Gesamtbewertung, erscheint doch mehr als fraglich. Wir denken, daß hier in Wirklichkeit Ironie, Kritik und Witz die wirklichen Antriebsfedern sind, und nicht der Rassismus.
Wer sich z.B. den “Weihnachtssong” von Sido / Diss. Bushido anhört, der wird nicht ernsthaft annehmen, daß da ein total unmusikalischer Sänger versucht, eine - verzweiflungsvoll schlechte - neue Rapversion des entsetzlich kommerzialisierten Songs “Jingle Bell” anzufertigen, der einem Weihnachten für Weihnachten in den Kaufhäusern die Weihnachtszeit versaut. Sondern es handelt sich unserer Meinung nach in Wirklichkeit um abgrundtiefe Kritik und Ironie am Kommerz, der mit dem Lied getrieben wird. Ein “Assi”, - ein Aussenseiter der Gesellschaft versucht da, mit unserem entsetzlich deutsch-kommerziellen Weihnachten klar zu kommen und sogar einen positiven Beitrag zu leisten! Diese - gespielt ernsthaften - Bemühungen sind einfach nur witzig.
Bushido selbst hatte in Interviews jede rechtsextreme Gesinnung von sich gewiesen. Er hatte auch eigentlich schon immer klargestellt, daß es sich da um eine Kunstfigur handelt, im Einzelnen vgl. Wikipedia. Dabei sollte man es belassen. Er betrachtet diese Texte als Teil seiner Vergangenheit. Es gehört damit auch zum Thema Integration, daß man einem so etwas nicht notwendiger Weise lebenslang übel nimmt und wieder und wieder nachträgt.
Das bedeutet halt auch Integration. Es bedeutet, sich mit dem anderen zu beschäftigen, und Verständnis zu haben. Wenn Jesus einen Paulus als Helfer akzeptieren konnte, der aus dem bösen Saulus entstanden war, dann können wir das auch mit Bushido!
Das gilt auch und gerade unter dem Gesichtspunkt der Integration, und von Bushido’s Funktion als Vorbild. Mit dem “einmal ein Nazi, immer ein Nazi,” wird der Weg zurück in die Gesellschaft verschlossen. Gerade damit werden Randgruppen in unserer Gesellschaft künstlich geschaffen, die dort eigentlich gar nichts zu suchen haben.
Es besteht, soweit erkennbar, in der Jugend so ziemliche Einigkeit darüber, daß die Künstlerfigur Bushido ein “Assi” ist bzw. war. Bushido will das auch genau so.
Von einem Assi werden “krasse” Äußerungen erwartet, und das wird dann in die Kategorie “Assiäußerungen” abgeheftet. Die Texte sind auch - vermutlich absichtlich und gewollt- derartig daneben, daß sie allenfalls das Gegenteil bewirken, als das, wonach sie klingen.
Wenn also die Kunstfigur Bushido solche rassistischen Assiäußerungen von sich gibt, oder gab, dann ist die wahre Botschaft eigentlich, wie abstoßend derartige Äusserungen sind, und niemand käme auch nur auf die Idee, so etwas ernst zu nehmen. Wir haben es mit einer Art Till Eulenspiegel unserer Gesellschaft zu tun, - er hält der Gesellschaft und den Rassisten unter uns damit in Wirklichkeit einen Spiegel vor. Man kann damit über die Vorurteile lachen, und darüber reden. Und das Lachen und das Reden darüber, auf einer anderen Ebene, kann dann im Ergebnis von Vorurteilen befreien, - denn wer möchte sich selbst schon gerne auf solch eine Ebene stellen - und dadurch neue Wege öffnen.
Das Mitglied der Musikgruppe Rosenstolz müsste sich damit selbst eventuell auch vorwerfen lassen, recht wenig Humor zu besitzen, und selbst intolerant zu sein. Humorlosigkeit und die fehlende geistige Flexibilität sind wiederum als solche leider auch eine typisch deutsche Eigenschaften, die international so gut wie jeder bestätigen wird. Die Botschaft davon ist nur bis heute nicht nach Deutschland gedrungen! Wir finden uns auf internationalem Parkett immer ganz besonders witzig und spassig, bis hin zur regelrechten Peinlichkeit, allerdings häufig auch als Einzige.
Ein dicker Pluspunkt für Bushido war, daß er nicht “darauf eingestiegen” ist, sondern das ganz gelassen genommen hat.
Insgesamt unsere Bewertung damit: alles gut so. Der Preis geht in Ordnung, und die Kritik geht zwar eigentlich nicht in Ordnung, dann aber wieder doch, denn sie ist unserer Ansicht nach Teil der genau von Bushido so beabsichtigten - intoleranten - Reaktion auf seine Provokationen. Rosenstolz ist vermutlich Bushido auf den Leim gegangen.
Und so betrachtet, geht das auch wieder in Ordnung! Und ich muß mir noch selbst den Vorwurf machen, hier zu versuchen, Humor zu erklären. Wie humorlos ist das denn eigentlich?!” Das kann auch nur in Deutschland passieren.
Oder bin ich - und viele andere auch - da vielleicht wiederum Rosenstolz auf den Leim gegangen?
Der Gesichtsausdruck des Musikers, überall im Fernsehen zu sehen, sagt anderes. Der meint es auf jeden Fall bitter ernst. - Leider. Rosenstolz sollte da eigentlich über dem Niveau solcher “schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich” Sänger stehen, die allesamt nun begeistert nun in das allgemeine Gejohle gegen Bushido mit einstimmen.
Wen hätten wir da sonst noch, die sich im Augenblick “kritisch” hervortun? Heino, Dieter Bohlen, Mirjam Du Mont. Nein, bei solcher Gesellschaft als Alternative bleibe ich doch lieber auf der Seite von Bushido und von Peter Maffay *).
Rosenstolz hätte ich eigentlich eher in die letztere Gruppe von Künstlern mit einordnen wollen. Aber wir wollen doch auch für den Musiker von Rosenstolz die Möglichkeit zur künstlerischen Weiterentwicklung offen lassen. Vielleicht bewerten die das ja in ein paar Jahren auch wieder anders. Hoffentlich. Und hoffentlich gibt Bushido mir bis dahin keinen Anlass, meine Meinung nochmal zu überdenken!
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P.S.: 12.11.2011 Heino soll nun aus Protest seinen Bambi wieder zurück gegeben haben … - Welch gute Idee, das dürfte die Bambi-Verleihung im Ergebnis sicherlich aufwerten!
P.P.S.: vom 05.12.2011: Peter Maffay hat sich nun wohl doch öffentlich von Bushido distanziert.
- Naja, die Äusserungen sind schon ziemlich deftig, um die es hier geht.